6th & 7th Leg

by Le Millipede

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1.
6th Leg 02:20
2.
7th Leg 03:19

about

Ein Holzschuh für den sechsten, eine Zweitausend Jahre alte Schrift für den siebten Tausendfuß

Nur zweieinhalb Stufen, dam-dam-di-dei, kommt ein Knäuel Kinder aus dem Schulhaus auf die Straße gewuselt. Nur zweieinhalb Stufen, der kleine Minek nimmt sie im Sprung, lambdi-sol-fa, zu einer einzigen Stufe im Akkord, und von seinen Zoccoli fällt die linke Sohle entzwei. Gezurrt wie geschnürt, sie will doch nicht halten, tapst Minek barfuß mit den erst gelernten Buchstaben durch den Märzbatz. Sechs Kilometer Matschweg von Treviglio zum Hof, simpel und eben die Stufe am Klavier, stecken zig Füße im Bauernakkord zur Lombardei: Die Wäsche im Fluss, von der Schubkarre gerollt, die Ernte im Wagen, auf der Waage geschummelt, das Korn in der Mühle, hinauf sind's sechs Stufen, der aufkeimende Drang, des Anrainers Antrag an Ostern gereift, statt Zierblumen Mais, über Holzbalken gehängt, die Gans auf dem Hackklotz, den Kopf abgeschlagen, das Pferd auf der Straße, umringt und gefangen von Armen und Rufen, und immer wieder das Feld ... Minek soll es überspringen, all das, in der Provinz von Bergamo, im Jahr 1898, so der Gemeindepriester es will.

Ein Jahr der Unruhen: In Mailand wird bei einer Demonstration gegen einen in die Höhe schießenden Weizenpreis in die Menge geschossen, mehr als hundert Unbewaffnete fallen im später so genannten Bava-Beccaris-Massaker dem Einfall eines Generals zum Opfer. Politische Agitationen gegen die feudalen Verhältnisse werden blutig niedergeschlagen, sozialistische Anarchistinnen und Katholiken verfolgt und verhaftet. All das in "Der Holzschuhbaum" nur als Rauchfahne in weiter Ferne angedeutet – tun die im Film zum Leben gebrachten vier Bauersfamilien doch so, als hätte all das gerade nichts mit ihrem Leben zu tun. Wenn zur Weihnacht die Zampogne spielen, lauschen sie draußen vor der Tür, mit ehrfurchtsvoller Miene der Sackpfeifen Klänge von weit her aus dem eisigen Nachthimmel vernehmend, in andächtiger Selbstlosigkeit nichts sagend, allerhöchstens "die Pipes müssen gewiss frieren, in dieser kalten Nacht". In diesem Moment werden sie zu einem engelshaften Publikum, das uns Zuschauer in Verlegenheit bringt. Zum Aufbegehren hätten die Engel dabei allen Grund: Als Angestellte ihres Haus- Hof- und Grundbesitzers dazu verpflichtet, diesem 2/3 aller Erträge abzutreten, sind sie verdammt zu einem Leben als Aussätzige, ohne Hoffnung auf Besserung. In uns Zuschauern möchte sich Empörung regen – Mineks Eltern Batisti und Batistina kennen nur Glaube, Demut und Geduld.

Nur? Steckt in dem kleinen Verbrechen, das Batisti ohne zu Zögern, seinem Minek den Schulweg zu ermöglichen, mit handwerklicher Hingabe auf sich nimmt, etwa weniger Liebe, als wenn ein Großstadtbohemien sich in einer halbwegs vergleichbaren Situation heutzutage ein Paar fabrikneue Schuhe von Zalando in seine gewohnte Bequemlichkeit hineinliefern lässt? Wie tief in uns rührt doch die Sanftmut in Batistis Blick, die eine stille, geduldige Demut ist, gerade aufgrund ihrer Sprachlosigkeit. Eine Demut, die so stark in ihrer Person verhaftet ist, diesen Diener der vier Jahreszeiten stumm wie ein Zacharias alles ertragen zu lassen, dass sich selbst unsere Empörung in Scham wandelt. Und dann ist es die Selbstverständlichkeit, mit der diese armen Landarbeiter den noch Elendigeren zu jeder Mittagszeit die Tür offen halten, auf dass diese ihren Teil der Polenta abbekommen, welche uns sprachlos macht.

Am Ende kennen sie keine Solidarität. Die Familien wetteifern um das kleine Glück, so wird der Einzelne verwundbar. Großvater Anselmo freut sich gerade über das erfolgreiche Aufgehen seines schelmischen Tricks, die Tomaten mittels Hühnerkot drei Wochen früher zur Reife und also vor allen anderen auf den Markt zu bringen, da trifft des Grundbesitzers Willkür die Battisti hart: Trotz des Neugeborenen vor die Tür gesetzt, wegen einer heimlich gefällten Pappel, so endet auch Mineks Schulbildung mit der Verbannung ins obdachlose Elend, in Flucht und Vertreibung, noch in der ersten Stufe. Was wir gelernt haben, nicht zuletzt: Es gab vor unserer Zeit eine Zeit, da Tomaten noch die Jahreszeit kannten, die ihnen als Reifezeit gegolten hatte.

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Auf der anderen Seite, im Süden Italiens, ertönt wieder die distorsionierte Fabriksirene aus dem "1st Leg", diesmal als Megaphonstimme, die Aufruf zur Demonstration wie auch Gebetsruf sein kann: Mit der stummen und stillen Demut ist es vorbei. Ganz anders als in der zeitlos prächtigen Arbeit von Ermanno Olmi und den Laiendarstellern aus Bergamo ist dies hier keine realistisch nachempfundene Rekonstruktion von Leben, "Das Neue Evangelium" ist Agit-prop-Cinema-verité, dokumentarisches Spektakel und politisches Passionstheater bzw. zeitgemäße making-of-Film-Oper, und findet jetzt gerade und heute statt. Hier und heute, denn unser tägliches Brot sind Tomaten, in Ewigkeit, Amen. Die Arbeiter verlassen nicht mehr die Fabrik, sie sind sowieso draußen, von allen verlassen, permanent oder temporär, alles ungewiss und fragil, denn die Fabrik ist das Land. Die Arbeiter sind real, es sind Geflüchtete und Vertriebene, gestrandet in Matera, der Höhlenstadt der Basilicata, wo schon der katholische Kommunist Pasolini sein Jerusalem fand. Der Pasolini-Jesus-Darsteller von 1964, Enrique Irazoqui, fand auch 2019 wieder den Weg nach Matera. Diesmal durfte er Johannes den Täufer geben, der Jesus bei Milo Rau ist schwarz und heisst Yvan Sagnet. Die Arbeitsteilung zwischen Rau und Sagnet ist diese: Rau macht all das auf Einladung der Kulturverwaltung, etwas zu Materas Kulturhauptstadtjahr 2019 beizutragen, Sagnet macht, was er macht, weil er sowieso seit Jahren schon genau das macht: Die Landarbeiter sozialrevolutionär aufklären und für bessere Lebensbedingungen kämpfen, da ist es zur Jesus-Rolle on top nurmehr ein kleiner Schritt. Jesus Christus war ein sozialrevolutionärer Heilsbringer für die Armen und Entrechteten. Kann ein Aktualitätsbezug über diesen Film so massiv hergestellt werden, dass sich die Situation der Arbeitenden zum Positiven wandelt? Vor Ort, here, there & everywhere? Macht der Film als Film darüber hinaus und überhaupt Sinn? "Das Neue Evangelium" ist ein Experiment und eine Reality, die heute in temporärer Ewigkeit geschaut werden kann.


Der Holzschuhbaum (OT: L'albero degli zoccoli, Italien/Frankreich 1978, Regie, Kamera & Drehbuch: Ermanno Olmi. Mit Laiendarstellern aus der Provinz Bergamo, in Originalsprache: Lombardisch. Auf keinen Fall in deutscher Synchronisation schauen!*)**

Das Neue Evangelium (Theater- und Filmprojekt von Milo Rau, Matera, Italien 2019/20, Filmstart 17. Dezember 2020)

*Immerhin hat die Synchro im deutschen Verleih mit dem Kompositum "Holzschuhbaum" eine deutsche Titelgebung noch schön hinbekommen, was in der deutschen Verleihpraxis schon erstaunlich genug ist. An einem Kompositum, Spezialität der deutschen Sprache, könnten so manche Verleihverbrecher sich durchaus des Öfteren mal versuchen.

**Mit cinephilen Grüßen an Andreas Heckmann, an Al Pacino sowie an das Werkstattkino – drei, die mich, voneinander unabhängig, vor Zeiten auf dieses Filmwunder aufmerksam machten. Goldene Palme von Cannes 1978.


Zugabe:

Olmis "Altes Testament" mit nomadischen Wüstenbewohnern:
Die Bibel – Genesis (OT: Genesi – La Creazione e il diluvio, Italien/BRD 1994, Regie, Kamera & Drehbuch: Ermanno Olmi. Mit Laiendarstellern und Komparsen aus Marokko, in Marokko.)


English Version:

A wooden shoe for the sixth, a two-thousand-year-old script for the seventh thousand feet.

Only two and a half steps, dam-dam-di-dei, a tangle of children comes scurrying out of the schoolhouse onto the street. Only two and a half steps, little Minek takes them in a leap, lambdi-sol-fa, to a single step in a chord, and from his zoccoli the left sole falls in two. Tightened as if laced, it won't hold after all, Minek plods barefoot through the March batz with the letters he has only just learned. Six kilometres of muddy path from Treviglio to the farm, simple and even the step at the piano, tens of feet stuck in the peasant chord to Lombardy: The laundry in the river, rolled by the wheelbarrow, the harvest in the wagon, cheated on the scales, the grain in the mill, up are six steps, the burgeoning urge, the ripening of the riparian request at Easter, instead of ornamental flowers corn, hung over wooden beams, the goose on the chopping block, its head cut off, the horse on the road, surrounded and caught by arms and shouts, and again and again the field . .. Minek shall skip it, all that, in the province of Bergamo, in 1898, the parish priest willing.

A year of unrest: In Milan, a demonstration against a skyrocketing wheat price is shot into the crowd, more than a hundred unarmed people fall victim to a general's incursion in what later becomes known as the Bava-Beccaris massacre. Political agitations against feudal conditions are bloodily put down, socialist anarchists and Catholics are persecuted and arrested. All this is only hinted at in "The Clog Tree" as a wisp of smoke in the far distance - the four peasant families brought to life in the film act as if all this had nothing to do with their lives. When the Zampogne play at Christmas, they listen outside the door with reverent expressions to the sounds of the bagpipes from far away in the icy night sky, in devout selflessness saying nothing, at most "the pipes must certainly be freezing on this cold night". At this moment, they become an angelic audience that embarrasses us spectators. The angels have every reason to rebel: as employees of their landlord and landowner, they are obliged to give him 2/3 of all their earnings and are condemned to a life as lepers, without hope of recovery. We in the audience want to feel indignation - Minek's parents Batisti and Batistina know only faith, humility and patience.

But is there less love in the small crime that Batisti, without hesitation, takes upon himself with manual dedication to enable his Minek to go to school, than when a city bohemian in a halfway comparable situation nowadays has a pair of brand-new shoes from Zalando delivered to his accustomed comfort? How deeply we are touched by the gentleness in Batisti's gaze, which is a quiet, patient humility, precisely because of her speechlessness. A humility that is so strongly rooted in her person, to let this servant of the four seasons bear everything mutely like a Zachariah, that even our indignation turns to shame. And then it is the matter-of-factness with which these poor farm workers hold the door open at lunchtime for those who are even more miserable, so that they can get their share of the polenta, that leaves us speechless.

In the end, they know no solidarity. Families compete for a little happiness, making the individual vulnerable. Grandfather Anselmo is just rejoicing at the success of his mischievous trick of using chicken droppings to bring the tomatoes to ripeness three weeks earlier and thus to the market before everyone else, when the landowner's arbitrariness hits the Battisti hard: despite the newborn, thrown out of the house because of a poplar tree cut down secretly, Minek's school education also ends with banishment into homeless misery, in flight and expulsion, still in the first stage. What we have learned, not least: there was a time before our time when tomatoes still knew the season they were considered to be in when they ripened.

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On the other side, in the south of Italy, the distorsionary factory siren from the "1st Leg" sounds again, this time as a megaphone voice that can be a call to demonstration as well as a call to prayer: Silent and still humility is over. Quite unlike the timelessly magnificent work of Ermanno Olmi and the amateur actors from Bergamo, this is not a realistically recreated reconstruction of life, "The New Gospel" is agit-prop-cinema-verité, documentary spectacle and political passion theatre or contemporary making-of-film opera, and takes place right now and today. Here and now, because our daily bread is tomatoes, for eternity, amen. The workers no longer leave the factory, they are outside anyway, abandoned by everyone, permanently or temporarily, all uncertain and fragile, because the factory is the land. The workers are real, they are refugees and displaced persons, stranded in Matera, the cave town of Basilicata, where the Catholic communist Pasolini already found his Jerusalem. The Pasolini Jesus actor of 1964, Enrique Irazoqui, found his way to Matera again in 2019. This time he was allowed to give John the Baptist, the Jesus in Milo Rau is black and is called Yvan Sagnet. The division of labour between Rau and Sagnet is this: Rau does all this at the invitation of the cultural administration to contribute to Matera's Capital of Culture Year 2019, Sagnet does what he does because that's what he's been doing for years anyway: educating the farm workers in a social-revolutionary way and fighting for better living conditions, so it's only a small step to the Jesus role on top. Jesus Christ was a social revolutionary saviour for the poor and disenfranchised. Can a topical reference be made via this film so massively that the situation of the working people changes for the better? On the spot, here, there & everywhere? Does the film make sense as a film beyond that and at all? "The New Gospel" is an experiment and a reality that can be watched today in temporary eternity.


The Clog Tree (OT: L'albero degli zoccoli, Italy/France 1978, Director, Cinematographer & Screenplay: Ermanno Olmi. With amateur actors from the province of Bergamo, in original language: Lombard. Do not watch in German dubbing!*)**

The New Gospel (theatre and film project by Milo Rau, Matera, Italy 2019/20, film release 17 December 2020).

*After all, the synchro in German distribution still managed a German titling nicely with the composite "Holzschuhbaum", which is amazing enough in German distribution practice. Some distribution criminals could certainly try their hand at a composite, a speciality of the German language, more often.

**With cinephilic greetings to Andreas Heckmann, Al Pacino and Werkstattkino - three people who, independently of each other, brought this film miracle to my attention a long time ago. Golden Palm of Cannes 1978.


Encore:

Olmi's "Old Testament" with nomadic desert dwellers:
The Bible - Genesis (OT: Genesi - La Creazione e il diluvio, Italy/BRD 1994, director, cinematographer & screenplay: Ermanno Olmi. With amateur actors and extras from Morocco, in Morocco).

Translated with www.DeepL.com/Translator (free version)

credits

released February 24, 2021

film essay by Pico Be alias Federico Sánchez
artwork by Frau Forster alias Elisabeth Forster
music by Le Millipede alias Mathias Götz

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Le Millipede Munich, Germany

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